Selbstbewusstsein — Persönlichkeitsentwicklung

Nicht-Tun ist die beste Strategie zur Persönlichkeitsentwicklung

Henning Matthaei
Veröffentlicht am 30.11.2017

Vor einiger Zeit habe ich im eMagazin „Gut leben!” das Thema Existenzangst im Zusammenhang mit einer Blogparade untersucht. Heute steht das Thema Persönlichkeitsentwicklung an, initiiert von Gregor Wojtowicz. Er fragt: „Was ist deine Methode der Persönlichkeitsgestaltung?”

Warum eigentlich Persönlichkeitsentwicklung?

Bereits als 16-jähriger habe ich in kleine Hefte notiert, welches Trainingsprogramm ich mir auferlegen wollte, um stärker, attraktiver, selbstbewusster und disziplinierter zu sein.

Ein paar Jahrzehnte und etliche Versuche in derselben Richtung später, stelle ich fest, dass auch mit unterschiedlichsten Methoden das Thema nicht bei der Wurzel zu fassen ist.

Zwei Fragen sind zunächst zu klären:

  • Was ist Persönlichkeit?
  • Warum will ich meine Persönlichkeit verändern?

Was ist Persönlichkeit?

Aus heutiger Sicht würde ich Persönlichkeit als eine Sammlung beschreiben. Eine Sammlung aller Vorstellungen davon,

  • was ich sein will und was ich nicht sein will,
  • was ich mag und was ich nicht mag,
  • an was ich mich erinnere und was ich am liebsten vergessen möchte.

Persönlichkeit ist also eine Konstruktion. Zugegebenermaßen eine hilfreiche. Sie gibt mir einen Platz in der Welt, persönliche Grenzen, an denen ich interagieren kann. Gibt es einen Grund dafür, sie zu entwickeln?

Warum will ich meine Persönlichkeit verändern?

Was auch immer die Antwort auf die Frage ist, wird sie immer der Ausdruck einer Unzufriedenheit mit einem gegenwärtigen Zustand sein.

Aber erst wenn ich damit einverstanden(!) bin, wie mein gegenwärtiger Zustand ist, habe ich einen stabilen Standpunkt, gegen den ich mich stemmen kann, um mich weiter zu entwickeln. Der Beginn funktionierender Persönlichkeitsentwicklung enthält die Erkenntnis, dass es keine Notwendigkeit zur Entwicklung gibt.

Was sind funktionierende Methoden der Persönlichkeitsentwicklung?

Persönlichkeit hat viele Facetten. Wir können uns auf die körperliche Ebene fokussieren (Sport, Ernährung, Gesundheit, Sexualität). Oder wir verlegen uns mehr auf die emotionale Ebene und kümmern uns um Ausgeglichenheit, Konfliktfähigkeit und Selbstwertgefühl. Auf der mentalen Ebene können wir unsere kognitiven Fähigkeiten erweitern, an Teamfähigkeit arbeiten, oder unser Erinnerungsvermögen trainieren.

Je nachdem, in welchem Bereich ich meine Fähigkeiten erweitern möchte, suche ich mir den entsprechenden Trainer oder ein gutes Buch und mache mich daran, mich „zu verbessern“.

Fühle ich mich dann auch besser? In den meisten Fällen: Ja. Einschränkend: für eine Weile.

Ich habe lange nach einem zu mir passenden Weg gesucht, der mich grundlegender befähigt. Befähigt dazu, gelassener mit mir zu sein, wenn ich mir Vorwürfe mache. Befähigt dazu, mich mit Energie einer Sache zu widmen, auch wenn es mir gerade nicht gut geht. Befähigt dazu, auf meinem Weg zu bleiben, auch wenn es gerade keine Zustimmung von außen gibt.

Die einzige langfristig wirkungsvolle Methode dazu ist Meditation. Meditation ist in allen Weltreligionen ein zentrales Mittel, sich in einem größeren Zusammenhang wahrzunehmen und die eigene Persönlichkeit in diesem Zusammenhang „aufgehoben“ zu wissen.

Mein persönlicher Weg spielt dabei keine Rolle – es ist lediglich eine Vorliebe. Genauso wie ich ein bestimmtes Essen gerne esse.

Persönlichkeit wird nicht „gestaltet“, sie ordnet sich von innen.

Meditation hilft mir dabei, mein Leben auf stille Weise zu ordnen. Meditation ist die tägliche Übung des Nicht-Tuns. Durch die Übung, eine Zeit lang nicht aktiv zu sein, entsteht ein Raum der Großzügigkeit. In dieser Großzügigkeit ordnet sich das Leben immer wieder selbst. Nicht alles auf einmal, nicht sofort.

Während meine verinnerlichten Antreiber permanent Ideen auf den Markt werfen, was noch alles getan werden soll, lerne ich (in kleinsten Schritten über Jahre hinweg) ihr Geschrei zu ignorieren. Welche Freiheit!

Es gelingt allmählich immer besser, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.

Eine Geschichte, die ich von meinem Lehrer gehört habe: Es ist wie mit einer Armbanduhr. Das Leben läuft. Meditation hilft, die richtige Zeit einzustellen.

Kontinuität ist der Schlüssel

Durch die fortschreitende Übung entfällt die Sehnsucht danach, eine andere Persönlichkeit zu sein. Jemand anders sein zu wollen. Wozu? Dies ist mein Leben, mein Körper (für eine Zeit lang). Es ist sinnvoller zu üben, damit einverstanden zu sein, bevor die Zeit abgelaufen ist.

Persönlichkeit liegt für mich im Zugewinn an Gleichmut. Aus der Gelassenheit heraus das tun, was an mich herangetragen wird. Der Rest ist nicht meine Angelegenheit.

Achtung, das ist ein Ideal, kein Dauerzustand.

Die Übung lieben, nicht das Ergebnis

Der entscheidende Punkt liegt in der kontinuierlichen Übung. Es geht nicht um Disziplin, sondern darum eine neue Gewohnheit zu etablieren. Nach einigen Wochen, Monaten oder Jahren wird die Meditation zu einer festen Gewohnheit wie Zähneputzen. Man fühlt sich unwohl, wenn man es nicht getan hat.

Als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich viel Musik gemacht. Meine Klarinette war immer dabei und ich habe täglich geübt. Dann stand sie jahrelang im Schrank und seit einiger Zeit ist sie wieder im Einsatz.

Einfach nur so, zum Spielen. Aus Freude.

Die Übungen sind schwierig, klappen manchmal nicht. Manchmal fehlt die Lippenspannung, manchmal sind die Finger zu langsam. Manchmal, am Abend, fällt es mir schwer, die Noten ordentlich zu sehen.

Doch ist mittlerweile die Haltung der Übung gegenüber eine andere geworden: Mir macht das Üben selbst Freude. Ich muss nirgends ankommen und nichts beherrschen.

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